Parenting
Die ständige Erweiterung des Repertoire
Raum der Erfahrungen und Methoden
Ich bin jetzt seit fast 6 Monaten Vater. Unser Sohn entwickelt sich weiterhin täglich, aber doch nicht mehr ganz so schnell wie in den ersten Wochen. Anfangs haben wir neue Muster beinahe täglich erkannt und darauf reagiert - wie er schläft, wann er zu Bett geht, auf welche Reize er reagiert. In seinem besten Sinne haben wir rechtzeitig gegengesteuert oder verstärkt, um ihm ruhigen Schlaf, entspannte Mahlzeiten und spannende Spielzeiten zu ermöglichen.
In diesem Prozess, dem täglichen Sein, entwickelt er mehr und mehr eigene Verhaltensweisen. Bspw. schlägt/schwingt er aktuell ständig mit der linken Hand auf und ab. Er verzieht den Mund in einer ganz speziellen Art und Weise, wenn er gerade seine Windel vollmacht. Wenn er in Bauchlage mit seinen Spielsachen herumalbert kann er sich mittlerweile, wie auf einer Drehscheibe, in alle Richtungen orientieren - allerdings nur in Richtung gegen den Uhrzeigersinn.
Und hier kommt das Interessante: Selbst wenn ein Objekt der Begierde sagen wir, 10° rechts von ihm liegt würde er lieber 350° links herum drehen, um es zu erreichen. Wenn ein Spielzeug zu weit entfernt liegt, dann dreht er sich lieber im Kreis, um etwas anderes zu entdecken. Hier sind zwei Fragen zu klären, die unser Sohn natürlich intuitiv verarbeitet, aber folgendermaßen herunter gebrochen werden können und zwischen denen abgewogen werden muss:
- Wie viel Aufwand kostet es eine neue Methode zu erlernen, um ein Ziel zu erreichen?
- Wie viel Aufwand kostet es mich das gleiche Ziel mit einer alten Methode zu erreichen?
Diesen Konflikt ist ein Klassiker in der sich rasant entwickelnden Informatik: Soll ich das Problem mit meiner altbewährten Methode (z. B. Programmiersprache) lösen oder erst eine neue, besser für das Problem geeignete Methode lernen, um es dann schneller zu lösen? Das Baby steht vor einer ähnlichen Aufgabe. Er kann das Spielzeug locker erreichen wenn es einfach seine bewährte Methode anwendet, sich gegen den Uhrzeigersinn um 350° zu drehen. Oder er lernt die neue Methode, sich im Uhrzeigersinn zu drehen, und hätte das Spielzeug dann schneller erreicht.
Mit jeder neu entwickelten Methode, erweitern wir unser Repertoire, mit der nicht nur die anstehende Aufgabe schnell gelöst werden kann, sondern auch ähnliche Aufgaben in der Zukunft besser gelöst werden können - oder auch neue, ähnliche Methoden. Dasselbe gilt auch für Erfahrungen. Neue Erfahrungen lassen uns wachsen und bereiten uns für weitere, noch größere Erfahrungen vor. Neues kostet uns mehr Energie am Anfang, kann sich aber langfristig lohnen.
Auch hier der Klassiker aus der Informatik: Die erste Programmiersprache ist schwierig. Bei der zweiten kann man bereits Wissen aus der ersten verwenden usw. Dies kann in solch kleinen Skalen gedacht werden, aber auch auf das Leben bezogen werden: Gehen wir früh im Leben einer Arbeit nach, die wir bereits können oder leicht erlernbar ist, oder investieren wir mehr Zeit in die Ausbildung, um neue Methoden zu lernen, um später einer anspruchsvolleren Arbeit mit komplexeren Problemen nachzugehen?
Nehmen wir an, dass jede neue Erfahrung ein Punkt in einem multidimensionalen Raum der Erfahrungen und Methoden ist (siehe Titelbild). Die euklidische Distanz der einzelnen Punkte beschreibt wie ähnlich diese Methoden/Erfahrungen zueinander sind. Beispielsweise kann eine Punktwolke alle gelernten Programmiersprachen darstellen. Punkte die in der Nähe sind, aber schon etwas weiter entfernt, könnten andere Bereiche der Informatik, aber keine Programmiersprachen sein. Im Gegensatz dazu wäre die Methode “Purzelbaum” ganz woanders in diesem multidimensionalen Raum zu finden.
Jetzt gilt: Je weiter weg eine neue Methode von bereits existierenden Punkten deines Erfahrungsschatzes liegt, desto höher ist der Aufwand diese zu erlernen. Im Gegenzug ist es einfacher einen neuen Punkt (eine neue Methode) hinzuzufügen, wenn dieser nahe einer Punktwolke (z. B. “Informatikwissen”) läge, verglichen zum komplett leeren Raum. Selbiges gilt für Erfahrungen: Beispielsweise wäre ein Fallschirmsprung ganz wonders in meinem Erfahrungsraum, würde mich viel Überwindung und damit Energie kosten. Folglich hört die Komfortzone genau da auf, wo die weißen Stellen im Erfahrungsraum beginnen.
Uns kann dieses Modell oder das Wissen darüber helfen zu verstehen, warum es sich lohnt neue Dinge zu lernen oder warum manches einfacher zu lernen ist als anderes. Babys haben dieses Wissen, diese top-down Sicht, allerdings nicht und handeln völlig intuitiv, sozusagen bottom-up. Wenn die Frustration zu groß und dann zufällig Neues ausprobiert wird stößt das Baby auf neue Möglichkeiten, bspw. sich andersherum zu drehen. Auch Nachahmen und Vorbilder helfen, um dem Baby neue Ideen zu geben was möglich ist. Und dann geht das immer so weiter. Von der Bauchlage, zum Drehen, zum Krabbeln, zum Sitzen, zum Stehen und zum Laufen. Jede dieser Methoden stellt einen wahnsinnigen Entwicklungsschritt und Erweiterung des Repertoire dar. Die Möglichkeiten erweitern sich exponentiell bis das natürliche Potential ausgeschöpft ist. Danach muss Energie bewusst aufgewendet werden um sich weiterzuentwickeln.
Kürzlich haben wir unserem Sohn eine große neue Erfahrung, weit außerhalb seiner Komfortzone gegeben: Wir sind mit ihm nach Portugal geflogen, puh! Ein langer Prozess: Lange Autofahrt, Gepäckaufgabe, Security-Check, Abheben, Landen … er hat alles gut durchgestanden, war am Ende aber total überstimuliert - trotzdem wird ihm diese Erfahrung helfen für künftige Flüge. Ein bisschen weißer Raum wurde wieder gefüllt in seinem Erfahrungsraum. Und nicht nur in seinem, auch unserer hat neue Punkte bekommen und uns für künftige Flüge gewappnet. Seek discomfort! Cheers.